Die Frauen, die zu mir ins Studio kommen, sind fast durchweg unsicher. Das gilt auch für die, die ich persönlich kenne und die mir von Anfang an vertrauen. Locker ist am Anfang kaum eine. Der Satz „Ich bin nicht fotogen“ fällt dabei fast immer, und danach kommt die Liste: ein Fältchen hier, Falten am Hals, Tränensäcke. Nach drei Kindern sehe der Körper anders aus, der Po sei zu flach, die Brust nicht mehr, wie sie war.
Ich sage dann jedes Mal dasselbe: Lass uns erst einmal ein paar Fotos machen. Denn der Satz stimmt in dieser Form nicht. Fotogen ist keine Eigenschaft, die manche Gesichter haben und andere nicht. Meistens liegt es an dem, was du bisher von dir gesehen hast.
Du kennst nur dein Spiegelbild und Handyfotos
Im Spiegel siehst du dich seitenverkehrt. Dieses Gesicht kennst du seit Jahrzehnten, und dein Gehirn hat sich daran gewöhnt. Die Psychologie nennt das den Mere-Exposure-Effekt: Was wir oft sehen, mögen wir mehr (Zajonc, 1968). In einer bekannten Studie von Mita, Dermer und Knight aus dem Jahr 1977 bevorzugten Menschen ihr gespiegeltes Bild, ihre Freunde dagegen das nicht gespiegelte. Deine Freunde kennen dich so, wie dich eine Kamera zeigt. Du kennst dich nicht so.
Dazu kommen die Handyfotos. Wer sich selbst fotografiert, hält die Kamera etwa 30 Zentimeter vor das Gesicht. Bei dieser Nähe verzerrt jede Weitwinkellinse. Eine Berechnung von Paskhover und Fried, veröffentlicht 2018 in JAMA Facial Plastic Surgery, kommt zu dem Ergebnis, dass die Nasenbasis aus 30 Zentimetern Abstand rund 30 Prozent breiter wirkt als aus anderthalb Metern, die Nasenspitze etwa 7 Prozent. Auf vielen Handyfotos siehst du also nicht dich, sondern ein Gesicht, das die Optik verändert hat.
Und dann trägst du noch ein Bild von dir im Kopf, das freundlicher ist als jedes echte Foto. Epley und Whitchurch zeigten 2008, dass Menschen ein leicht verschönertes Bild von sich eher für ihr echtes Foto hielten als das unveränderte.
Was im Studio anders ist
Bei mir kommt schon das erste Bild direkt aus der Kamera hochwertig heraus. Das liegt am Licht, am Aufbau im Studio, an den Objektiven und an der Technik insgesamt. Es zeigt dich gut ausgeleuchtet, und es zeigt dich so, wie du wirklich bist. Genau an diesem Punkt kommt bei vielen der Satz: „Wie, das bin ich? Das kann ich gar nicht glauben.“
Das erste Foto ist technisch gut, sagt aber noch nichts. Es ist der Anfang. Danach machen wir weiter, und etwa alle halbe Stunde schauen wir gemeinsam, was entstanden ist. Du siehst, wie aus den ersten Bildern von Mal zu Mal bessere werden, fast immer bis zum Ende des Shootings. Mit jeder Runde wirst du ruhiger und zufriedener.
Warum du dich dabei sicher fühlen darfst
Ich achte darauf, dass die Bilder nicht vulgär werden. Ich fotografiere grundsätzlich nicht zwischen die Beine und auch nicht von hinten dazwischen. Rutscht bei einem Boudoir-Setup oder einem verdeckten Akt etwas heraus, drücke ich nicht ab. Ich sage dir, dass etwas zu sehen ist, und du korrigierst es. Das schafft Vertrauen, und Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, dass du dich vor der Kamera entspannst. Was ich sonst nicht fotografiere, steht im Artikel „Akt ist nicht gleich erotisch“.
Der Moment am Bildschirm
Am Ende eines Shootings machen wir Bilder, die wirklich gut sind. Manchmal stehen Frauen dann vor dem Bildschirm und haben Tränen in den Augen, oder sie fallen mir um den Hals. Ich wusste anfangs nicht, wie ich damit umgehen soll. Heute macht es mich stolz, jemanden so weit zu bringen, dass sie sich in ihrem eigenen Bild wiedererkennt und gut findet.
Wenn du dich in diesem Text wiederfindest
Dann hattest du bisher vermutlich nur die falschen Bedingungen: ein Spiegelbild, Handyfotos und Licht, das nicht für Gesichter gemacht ist. Im Kennenlerngespräch klären wir ohne Verpflichtung, was du dir wünschst und was dich bremst.
