Wer Modestrecken in der Vogue oder in Harper’s Bazaar durchblättert, kennt das Bild: Eine Frau im Blazer, das Revers fällt tief, darunter trägt sie nichts. Das wirkt so selbstverständlich, dass man annimmt, jemand müsse es irgendwann erfunden haben. Einen Erfinder gibt es nicht. Man kann aber nachzeichnen, woher die einzelnen Zutaten kommen.
Der Anzug kam zuerst
Yves Saint Laurent zeigte „Le Smoking“ in seiner Herbst/Winter-Kollektion 1966, einen Smoking nach Männerschnitt, gemacht für Frauen. In der Couture verkaufte er sich kaum, bei jüngeren Kundinnen im Prêt-à-porter dafür gut. Wie sehr das Regeln brach, zeigt eine oft erzählte Geschichte: Die New Yorker Gesellschaftsdame Nan Kempner wurde in einem Restaurant abgewiesen, weil Frauen keine Hosen tragen durften. Sie zog die Hose aus und saß im Jackett als Minikleid am Tisch.

1975 fotografierte Helmut Newton den Smoking für die französische Vogue in der Rue Aubriot in Paris. Eine Frau mit zurückgekämmten Haaren, weißem Halstuch und Zigarette, neben ihr ein nacktes Modell, das nur schwarze Pumps trägt. Das Bild machte den Anzug zur Ikone. Und es zeigt etwas Wichtiges: Der Smoking selbst ist vollständig geschlossen. Die Spannung kommt aus der Haltung, nicht aus freier Haut. Wer glaubt, Newton habe den Look mit nacktem Oberkörper unter dem Jackett begonnen, liegt bei diesem Bild falsch.
Dann kam die Haut
In den Sechzigern wurde der Körper zum Thema der Mode. 1964 entwarf Rudi Gernreich das Monokini, einen Badeanzug ohne Oberteil. Im Oktober desselben Jahres kündigte er einen BH aus Nylon ohne Bügel und ohne Futter an, den „No Bra“. Am liebsten wären ihm seine Entwürfe ganz ohne BH getragen worden. Saint Laurent zeigte im Frühjahr 1968 seine erste transparente Bluse, die die amerikanische Presse „See-through Blouse“ nannte. Anzug und nackte Haut liefen in denselben Jahren parallel.

Dem Look am nächsten kommt ein Bild von 1971: Bianca Jagger heiratete in einem Smoking-Jackett von Saint Laurent, dazu ein langer Rock und ein Hut mit Schleier. Berichten zufolge trug sie darunter nichts. Gesichert ist das nicht.
Bei Männern gab es das Jackett ohne Hemd ebenfalls. In den Siebzigern wurde Iggy Pop damit bekannt, und Prince trug 1980 auf dem Cover von „Dirty Mind“ einen Trenchcoat mit freiem Oberkörper. Die Bildsprache kommt also nicht nur aus der Mode, sondern auch aus der Rockmusik.
Warum Fotografen das mögen
Ein Blazer ist für eine klare Linie geschnitten. Revers und Ausschnitt ergeben ein V, das den Blick zum Gesicht führt. Ein BH-Träger, ein Spitzenrand oder ein Bügel unterbricht diese Linie, sobald sich das Jackett bewegt. Dazu kommt der Materialkontrast, grobe Wolle neben Haut. In Schwarz-Weiß sieht man ihn besonders gut.
Außerdem zeigt der Look wenig und lässt viel offen. Das Bild lebt von dem, was man nicht sieht, und das macht es stärker als ein offener Körper. Ganz praktisch kommt hinzu: Enge Träger und Bügel hinterlassen Abdrücke auf der Haut, die mehrere Stunden sichtbar bleiben, und bei Aufnahmen nah am Körper stört das.
Dass es inzwischen so viele machen, hat vermutlich einen schlichten Grund: Der Look funktioniert, und Stylistinnen und Redaktionen orientieren sich aneinander. Das ist meine Einschätzung, belegen kann ich sie nicht.
Und im Studio?
Der Blazer zeigt, wie viel ein Bild mit wenig Stoff sagen kann. Du bist angezogen und trotzdem nah dran. Für Frauen, die zum ersten Mal vor der Kamera stehen und das Ausziehen als größte Hürde erleben, kann das ein Zwischenschritt sein. Was ich im Artikel Akt ist nicht gleich erotisch beschreibe, gilt auch hier: Wir fangen bekleidet an, und wenn etwas herausrutscht, drücke ich nicht ab, sondern sage es dir. Was du mitbringen kannst, steht im Artikel Kleiderauswahl fürs Shooting. Wenn dir das Motiv gefällt, sprich es im Kennenlerngespräch an.
Quellen: Another Magazine (Newton, „Le Smoking“), Musée Yves Saint Laurent Paris (transparente Bluse 1968), Wikipedia (Rudi Gernreich), MEL Magazine (Jackett ohne Hemd bei Männern), Qantas Travel Insider (Kempner, Bianca Jagger).
